Gegenwart und Ferne - Rede zur Ausstellung Natur - Schönheiten



Rathaus Meine                                                             November 2011

 

Schwere und Leichtigkeit oder Himmel und Erde

Nähe und Ferne oder Betrachter und Bildraum

Schein und Sein oder Spiegelung und Schnitt

Transzendenz und Gegenwart oder Licht und Materie

Erstarrung und Lebendigkeit oder Blau und Orange

Bewegtheit und Ruhe oder Struktur und Fläche

Geborgenheit und Offenheit oder Form und Formlosigkeit

Groß und klein oder Makrokosmos und Mikrokosmos

... ... ...

Die Bilder der Künstlerin Angela Fusenig handeln von solchen Gegensätzen.

Schon ganz am Anfang, in dem ersten Moment, in dem wir das Kunstwerk betrachten und uns auffällt, dass es zum einen ein Bild von etwas ist, dass es eine Geschichte erzählt, von einem Ausblick auf den Meereshorizont oder eine weite, sehr weite Landschaft oder von etwas, dessen Gestalt wir vielleicht nicht einordnen können.

Das Kunstwerk hat also diese erzählende Ebene. Und zugleich nehmen wir wahr, dass es uns direkt angeht, ganz unmittelbar, über seine Materialität, die im wörtlichen Sinn spürbar ist in Form von Farbpigmenten oder Schnitten oder Ritzungen und Kratzern oder schimmernden, irisierenden Oberflächen oder durch extrem lange und hohe Bildformate.

Solche Komponenten machen das Kunstwerk zum Objekt, das wir unmittelbar vor uns haben. Aber zugleich ist da diese Erzählung, das Bild, das von Weite und Ferne handelt und in das wir hineingezogen werden, ist da dieser konkrete transzendierende Schein der Oberfläche und das gleißende Licht der Erzählung, das Einzelheiten verschwinden lässt, unsichtbar macht - wären nicht die Schatten, die Schnitte oder die Krumen, die wie negative Passformen ihren eigentlich unsichtbaren Gegensatz definieren.

Es heißt, dass Gegensätze sich anziehen - einerseits … andererseits, dass sie sich abstoßen. Dennoch können nur Gegensätze ein Ganzes bilden, denn Gleiches ist jeweils schon ein Ganzes.

“Natur” ist das Thema, mit dem sich die Künstlerin in allen Arbeiten auseinandersetzt. “Natur-Schönheiten“ - so lautet der Titel, den sie ihrer Ausstellung hier im Rathhaus gegeben hat. Der Bindestrich zwischen den Wortteilen hebt das Thema der ausgestellten Arbeiten hervor. Sie zeigen eine Schönheit von Naturerscheinungen, die sich in Gegensätzen offenbart, die ein Ganzes bilden

und die überall in der Natur ist, in der belebten und unbelebten, im beeindruckend Großen, wie im leicht übersehbaren Kleinen. Makrokosmos und Mikrokosmos ergeben einen Kosmos.

Bei den ungegenständlichen Bildern ist der Mikrokosmos die Welt der Mineralien, deren Schönheit sich erst im Dünnschliff vollständig entfaltet. Aus dem Einfluss, den die Künstlerin aus diesem Bereich der Natur erhalten hat, erklären sich die irisierenden, metallisch schimmernden Farbflächen und vielleicht auch die Kratzer, Ritzungen und Wegschabungen.

Obgleich ich der Meinung bin, dass es sich hierbei um einen Urtrieb und eine Ursehnsucht des Menschen handelt, denn schließlich haben wir schon vor Jahrtausenden geritzte, gemalte und gezeichnete Graffiti an Höhlenwänden ziemlich dauerhaft hinterlassen.

Dauer und Vergänglichkeit und Geborgenheit und Offenheit …

Was mir auch gerade in Bezug auf die Linie auffällt und nahe ist, sind der intuitiv-spielerische, ja,bisweilen tänzerische Umgang der Künstlerin mit Farbe und Linie während des Arbeitens.

Das Moment der Vergänglichkeit sehe ich in allen Arbeiten der Künstlerin. Es wird jedoch ausbalanciert, von ihrem Gegensatz, der Dauerhaftigkeit.

Die Künstlerin zeigt in ihren Bildern keine bestimmten Situationen, keine bestimmten Orte, keine bestimmten Personen, die Bilder sind abstrakte Konstruktionen aus vielleicht fotografischen oder gezeichneten Skizzen, die vor Ort entstehen.

Wenn sie uns dennoch vertraut erscheinen, liegt das wohl daran, dass sie fast so eine Art archetypische Bilder sind, Bilder, die eine bestimmte Ur-Sehnsucht in uns visualisieren: damit meine ich jene nach der Überwindung der Vergänglichkeit des Daseins, hin zu etwas Metaphysischem, Absolutem.

Das Thema der Künstlerin ist also nicht die spezifische Natur des Einzelseienden, sondern die Spiegelung eben der besagten Sehnsucht durch die Natur. Das Natur-Motiv ist zwar der Ausgangspunkt, aber die Abstraktion verändert es, sie verdeutlicht, dass es eine Art Projektionsfläche ist, indem durch sie überindividuelle Züge hervorgehoben werden.

Somit erklärt sich die Abwesenheit des Menschen in den Bildern, diese betrifft nicht nur die landschaftsbezogenen Arbeiten, sondern auch jene, auf denen gesichtslose menschliche Figuren gezeigt werden. Die Abwesenheit individueller Züge lässt auch sie gewissermaßen “menschenleer” erscheinen.

 

Doch wir können uns dadurch in sie hineindenken, uns in sie hineinsehnen.

 

Die Bilder lassen Raum für die Gedanken und Gefühle ihrer Betrachter.

Die Illusion, die das Bild vermittelt, ist jedoch auch gebrochen, durch Spuren des Arbeitsprozesses, Gestenspuren, Materialspuren, Schnitte und Ausschnitte, die wie Barrieren wirken, die uns den Zutritt in die ideale Schönheit der Bildwelt, in die wir eingesogen werden und die zu betreten wir ersehnen, verwehren wollen. Und so erscheinen auch die langen und hohen Formate wie Fenster oder Türen, die uns nur einen Ausschnitt zeigen. So jedoch werden wir uns zugleich dessen

bewusst, dass die uns anziehende Bildwelt, zumal umso abstrakter sie ist, als Spiegel menschlicher Sehnsucht fungiert.

Wir Betrachter - und die Künstlerin ist selbst eine Betrachtende ihrer eigenen Bildwelt und wir blicken sozusagen durch die Augen der Künstlerin - wir Betrachter befinden uns also immer zugleich vor und in den Bildern, immer zugleich in unserer und ihrer Gegenwart und in Gedanken in der Ferne.

Wir können uns in eine hypothetische Ferne versetzen, bleiben aber zugleich bei uns Selbst.

Wir haben unseren Standort an dem Schnittpunkt zwischen Bild und Realität und anders gesagt, zwischen Sein, das Objekt, Ganzes und zugleich Ungreifbarkeit ist und Seiendem, dem Subjekt und Detail, dessen Vergänglichkeit aber auch Greifbarkeit ist.

Wenn wir die Arbeiten der Künstlerin Angela Fusenig von Weitem betrachten, verschmelzen die Einzelheiten zu einem impressionistischen Ganzen, gehen wir aber näher heran, bis wir sogar einzelne Farbpigmente erkennen, löst sich das Gebilde in viele expressive Einzelheiten auf.

 

Der indische Dichter und Philosoph Tagore soll in seinem Briefwechsel mit Albert Einstein sinngemäß einmal darauf hingewiesen haben, dass unser Bewusstsein - und das war nicht herabsetzend gemeint - dem einer Laus gliche, nur eben auf einer anderen Stufe.

 

Wolfgang Brodsky                                                    Meine, 11. November 2011

 

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Angela Fusenig